Bad Münder – Prospektive Kohortenstudie nach einem Gefahrstoffunfall

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Hintergrund

Bei einem Zusammenstoß zweier Güterzüge in Bad Münder war es im Jahr 2002 zur Freisetzung von Epichlorhydrin (ECH) gekommen. ECH ist als krebserzeugend für den Menschen anzusehen (MAK-Kategorie 2). Epidemiologisch gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen ECH-Exposition und Tumoren des zentralen Nervensystems (ZNS), der Lunge sowie des blutbildenden Systems (EUGEN-Abschlussbericht, Radon et al. 2004).

Als Teil der Gesundheitsfolgenabschätzung wird das Krebsgeschehen der zum Zeitpunkt des Zugunfalls in der Gemeinde gemeldeten EinwohnerInnen im EKN nachbeobachtet. Die Routinedaten des Krebsregisters bieten die Möglichkeit, im Falle einer möglichen Exposition größerer Bevölkerungsgruppen gegenüber kanzerogenen Stoffen das spätere Auftreten von Krebserkrankungen für alle EinwohnerInnen zu verfolgen, ohne dass dafür personenbeziehbare Daten im Klartext dauerhaft vorgehalten werden müssen. Auf die Einholung einer Einwilligung kann dabei verzichtet werden. Diese erste Auswertung hatte zum Ziel, den Verfahrensablauf des Abgleichs zu testen und dabei Erfahrungen mit dem Einfluss von Wegzügen auf die Krebsinzidenzraten zu sammeln.

 

Material und Methode

Ende 2011 fand zur Erprobung des Verfahrens der erste Datenabgleich mit den pseudonymisierten Daten der Gemeindekohorte (n=19.354 EinwohnerInnen) statt, im Juli 2012 wurden zusätzlich aus verschlüsselten Meldeamtsdaten die seit 2003 Gestorbenen und Weggezogenen ermittelt. Die Inzidenz in der Kohortenbevölkerung wurde für die Diagnosejahre 2003 - 2009 für Krebs insgesamt (ICD-10 C00-C97 ohne C44) sowie für ausgewählte Krebsarten (Lungenkrebs (C33-34), Gehirnkarzinome (C71) und Leukämien + Lymphome (C81-96)) mit einer Kontrollregion (n=122.000) verglichen. Von der für die Inzidenzberechnung zugrunde gelegten Bevölkerung wurden erst die Gestorbenen abgezogen und in einem weiteren Schritt auch die Wegzüge aus der Gemeinde.

 

Ergebnisse

Von den 19.354 EinwohnerInnen, die zum Zeitpunkt des Gefahrstoffunfalls in der Gemeinde gemeldet waren, sind bis Ende 2009 7,5% der Menschen verstorben und 12,0% aus der Gemeinde verzogen. Von den zum Unfallzeitpunkt in der Gemeinde wohnenden EinwohnerInnen sind 759 bis Ende 2009 neu an Krebs erkrankt und wurden dem EKN gemeldet. 744 dieser Erkrankten lebten zum Diagnosezeitpunkt in der Gemeinde, 15 waren vor Auftreten ihrer Krebserkrankung aus der Gemeinde weggezogen und wurden aus der Untersuchung ausgeschlossen.

Werden bei der Fortschreibung der Kohortenbevölkerung die Wegzüge nicht berücksichtigt, kommt es zur deutlichen Unterschätzung der Inzidenz. Bei Ausschluss sowohl der Gestorbenen als auch der Wegzüge aus den Personenjahren zeigt sich für Männer eine leicht erhöhte Inzidenz für Krebs insgesamt (SIR 1,15 [95%-KI 1,04-1,26]). Eine erste explorative Detailanalyse zeigt, dass diese vor allem auf eine erhöhte Inzidenz des Prostatakarzinoms zurückzuführen ist. Für die spezifischen Zieldiagnosen Lungen- und Gehirnkarzinome bzw. für Leukämien und Lymphome sind keine statistischen Auffälligkeiten zu beobachten. Für Frauen ist die Inzidenz für alle untersuchten Diagnosen statistisch unauffällig. Auch die Einbeziehung der 15 aus der Gemeinde weggezogenen Fälle (sog. 'worst case-scenario', welches zur Überschätzung der Inzidenz führt) würde nicht zu weiteren statistischen Auffälligkeiten der untersuchten Krebsdiagnosen führen.

 

Diskussion

Die Ergebnisse zeigen, dass in den zukünftigen Auswertungen auf die Berücksichtigung der Wegzüge bei der Berechnung der Personenjahre nicht verzichtet werden kann, da die Inzidenz ansonsten deutlich unterschätzt wird. Idealerweise sollte auch die Kontrollregion immer mit dem gleichen Verfahren nachverfolgt werden. Sofern ‘Krebs insgesamt’ – bedingt durch vermehrte Prostatakarzinome – erhöht bleibt, könnte dies auf vermehrte Krebsvorsorgeuntersuchungen hinweisen. Für eine abschließende Bewertung des Krebsgeschehens in der Gemeinde reicht die bisherige Latenzperiode noch nicht aus.

Die Studie wurde als Poster auf der 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) im September 2012 in Braunschweig veröffentlicht.

 

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Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 31. Mai 2018
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